[Recenze Tvořeni literaturou]
Im April 2017 wurde das Team für Germanobohemistik an der Tschechischen Akademie der Wissenschaften ins Leben gerufen, um sich mit dem Forschungskomplex der literarischen und kulturellen Interferenzen in den böhmischen Ländern strukturiert auseinanderzusetzen. Im Kafka-Jahr 2024 legte die Forschungsgruppe unter der Leitung von Václav Petrbok und Václav Symčka zusammen mit den Kollegen Jan Budňák, Ladislav Futtera, Miroslav Němec, Matouš Turek und Martin Hrdina eine synoptische Studie zur Literatur der böhmischen Länder im langen 19. Jahrhundert vor. Darin wird gezeigt, wie tiefgehend die Wechselwirkungen zwischen deutschsprachiger und tschechischer Kultur waren, auch über den vielbeachteten Franz Kafka hinaus. In Tvořeni literaturou. Společné dějiny česky a německy psané literatury českých zemí (1760–1920) beleuchtet das Autorenkollektiv die gemeinsame Literaturgeschichte mit Schwerpunkten auf Aufklärung, Vormärz, Realismus und literarischer Moderne.
In ähnlicher Konstellation war 2019 der Konferenzband Jak psát transkulturní literární dějiny [Wie kann man eine transkulturelle Literaturgeschichte schreiben?] erschienen, der unterschiedliche Ansatz für die Beschreibungen der kulturellen Interferenzen im böhmischen Raum formulierte. Die Erörterungen des Theoriebands finden in der Neuerscheinung eine neue Basis. Bemerkenswert ist, dass die theoretischen Konzepte von Interund Transkulturalität eine nachgeordnete Rolle spielen. Stattdessen verfolgen die Autoren einen dezidiert literatursoziologischen Ansatz, der Literatur und Gesellschaft gemeinsam betrachtet und den bürgerlichen Literaturdiskurs in den Vordergrund rückt. Als theoretische Leitfiguren fungieren dabei Michel Foucault, Panajotis Kondylis und Andreas Reckwitz, dessen Theorie von der hybriden bürgerlichen Subjektkultur eine zentrale heuristische Funktion erhält. In den diachron aufbauenden Kapiteln wird von der Entstehung bis hin zur Krise der klassischen bürgerlichen Subjektivität eine Geschichte der literarischen Transgression in den böhmischen Ländern nachgezeichnet. Diese Rahmung erweist sich als fruchtbar, da sie den Texten des sechsköpfigen Autorenteams eine klare Kohärenz verleiht.
Die Einzelkapitel des Bandes sind thematisch profiliert und ergänzen einander zu einem facettenreichen Gesamtbild. Auch wenn die Unterkapitel von unterschiedlichen Autoren verfasst wurden, lassen sich thematische Schwerpunkte der Verfasser erkennen. Václav Smyčka widmet sich der Epoche der Aufklärung. Er berücksichtigt sämtliche literarischen Großgattungen und integriert eine breite Basis deutschsprachiger Quellen, wodurch er die Vielschichtigkeit der literarischen Produktion dieser Zeit sichtbar macht. Besonders hervorzuheben ist seine vergleichende Analyse zu Josef Emanuel Hilscher und Josef Macha, die exemplarisch die komplexe Verschränkung der tschechischen und deutschsprachigen Literatur aufzeigt.
Václav Petrbok richtet den Blick auf den Vormärz und die Revolutionsjahre von 1848/49. Seine Untersuchung beleuchtet, wie politische Umbrüche und literarische Ausdrucksformen ineinandergreifen und sich gegenseitig bedingen. Martin Hrdina hingegen untersucht den Einfluss von Schopenhauers Philosophie auf Autoren der böhmischen Länder. An den Werken von Seligmann Heller, Jaroslav Vrchlický oder Jan Neruda wird dargelegt, wie Schopenhauers pessimistische Philosophie in literarische Diskurse transferiert wurden.
Miroslav Němec analysiert die internationalen Verflechtungen des literarischen Feldes, wobei Literaturzeitschriften wie die Moderní revue als zentrale Bezugspunkte dienen. Darüber hinaus widmet er sich der Nationalitätenfrage, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts in den literarischen Auseinandersetzungen zunehmend an Brisanz gewann.
Ladislav Futtera erweitert die Perspektive durch eine Hinwendung zu den Peripherien: In seinen Studien zu Dorfgeschichten und zur literarischen Verarbeitung von Folklore – etwa bei Adalbert Stifter und Jaromír Erben – verdeutlicht er die Erosion bürgerlicher Werte in einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher Transformationen.
Jan Budňák schließlich nimmt das bürgerliche Subjekt im Zeitalter der Hochindustrialisierung bis hin zum Ersten Weltkrieg in den Blick. Seine Analysen zeigen eindrücklich, wie ökonomische und soziale Umbrüche in den Werken des Fin de Siècle literarisch reflektiert und kulturell verarbeitet wurden. Budňák schließt den Band mit einer Zusammenschau der Werke von Ernst Weiß, Franz Kafka, Jaroslav Hašek und Fráňa Šrámek. Mit dem Ersten Weltkrieg und den damit einhergehenden Zerfallserscheinungen bürgerlicher Werte beginnt die krisenhafte Zeit des Bürgertums in den böhmischen Ländern. Autoren wie Ernst Weiß sahen in der neuen Massendemokratie einen Ausweg aus der bürgerlichen Subjektivität des langen 19. Jahrhunderts.
Auch in editorischer Hinsicht überzeugt die Publikation. Zahlreiche Abbildungen – insgesamt 25 – illustrieren die Argumentationen der einzelnen Beiträge. Eine typografische Besonderheit gegen Ende des Bandes, wo der Drucksatz kurz in Handschrift übergeht, setzt zudem einen visuellen Akzent, der ihn auch formal aus dem Rahmen vergleichbarer Darstellungen hebt.
Der Band eröffnet neue Perspektiven auf bekannte wie auf weniger bekannte Texte des literarischen Feldes und veranschaulicht, wie fruchtbar eine systematische Verbindung von Mikround Makrogeschichte sein kann. Damit gelingt es, ein durch zahlreiche Studien gut beleuchtetes Forschungsfeld durch innovative Fragestellungen, methodische Neujustierungen und interdisziplinäre Zugriffe produktiv zu erweitern.
Für die internationale Forschung wäre es von großem Gewinn, wenn die Studie zeitnah auch in deutscher Übersetzung vorläge, zumal die deutschsprachigen Quellen bereits in die Fußnoten aufgenommen wurden. Eine deutsche Ausgabe würde nicht nur die den hiesigen Diskurs bereichern, sondern könnte darüber hinaus als Modellfall dienen, wie sich Literaturgeschichten jenseits nationalphilologischer Engführungen konzipieren und als transkulturelle Narrative neu schreiben lassen.
Jan König, Schnittstelle Germanistik Volume 5, Issue 2 (2025) pp. 211 - 236 15. 1. 2026